Dienstag, 23. September 2008

Wir machen den Ikarus...

... und wollen immer hoeher hinaus. Das kann ja nicht gutgehen. Aber der Tag fing noch gut an. Nach einer ganz guten Nacht haben wir uns morgens mit Tashi getroffen um den Potala zu besichtigen. Das Wetter war etwas schlechter als gestern, so dass wir ein wenig unter Zeitdruck standen. Um zu unserem naechsten Ziel zu gelangen, dem Namtso-See, mussten wir ueber einen Pass auf 5200m Hoehe, und der ist vorzugsweise nachmittags passierbar. D.h. Touri-Pflichten in Lhasa vergleichsweise schnell erledigen, damit der Pass noch passierbar ist, wenn wir dort ankommen.
Der Potala ist ein riesiger Palast, in dem einige Tempel, eine Moenchsschule, die Regierung und die Privatraeume des Dalai Lama untergebracht waren. Heute kann man nahezu alles besichtigen. Er ist sehr exponiert auf einem Huegel inmitten der Stadt Lhasa und ueberblickt die ganze Stadt. Ueber einige Treppen geht erreicht man das unterste der 13 Stockwerke. Ca. 2 Stunden sind wir dann durch ein Labyrinth kleiner Gaenge, Treppen und dunkler Raeume gegangen. Zuerst ging es durch reich verzierte Raeume, in denen der Dalai Lama winters seine Gaeste empfangen hat, von seinen Lehrern erzogen wurde oder sich zum Beten zurueckgezogen hat. Die Raeume sind an sich nichts spektakulaeres, bis auf die Tatsache, dass sie reich verziert sind: geschnitzte und bunt verzierte Tuerrahmen, Seidene Teppiche an den Waenden, wenige Moebel und wenn dann nur eine Liege oder ein Thron. Und dabei ist alles ziemlich dunkel mit nur kleinen Fenstern. Da der DL im Winter eigentlich nie aus seinem Palast rauskommt kann man schon glauben, dass das ziemlich muffig ist und wenig Spass macht, dort zu wohnen. Gleich nebenan beginnt ein wahrer Marathon von Tempeln. Im mittleren roten Teil des Palastes sind die Tempelraeume und die Graeber aller DL zwischen dem 5. und dem 13. . Mit Ausnahme des 6., der wohl etwas umtriebig war.
Man sagt, er waer gern in der Stadt unterwegs gewesen auf der Suche nach Wein und Weib... Eigentlich ist beides streng verboten fuer einen Moench. Irgendwann ist er dann verschollen und so genau weiss keiner wo er gestorben ist. Angeblich gibt es ein Grab irgendwoanders in Tibet. Die Tempel sind nicht wie man es sich vorstellt grosse Hallen, sondern oft ebenfalls dunkle, kleine verwinkelte Raeume, vollgestopft mit Schriftrollen und goldenen Buddhafiguren. Dazu ueberall Badewannen voller Wachs mit brennenden Doechten (Was ist die Mehrzahl von Docht?) darin und Raeucherstaebchen in jeder Ecke. Nach der ganzen Kletterei schnuert uns der Duft fast die Kehle zu. Jeder DL hat seinen eigenen Tempel, in dem er sich aufgehalten hat und meistens noch ein Zimmer, in dem sein Sarg steht. Die Saerge sind riesige Kisten, bis zu 5x5m aus purem Gold. Je groesser der Sarg, desto wichtiger der DL. Obwohl, sind ja eh alles Wiedergeburten, also eigentlich liegt in jeder Kiste der Selbe. Um die Saerge herum -wer haette es gedacht- Buddhafiguren en masse. Fuer jedes Aua und jeden Wunsch gibt es einen eigenen Buddha, wichtig sind insbesondere der fuer langes Leben und der fuer das Mitgefuehl. Bunte Fratzen an den Waenden und manchmal auch in Figurenform stellen die Protektoren dar, die vor dem Boesen schuetzen sollen. Wieder beten mitten im Getummel ueberall Moenche und die Glaeubigen pappen Geld an alles, was nicht bei drei auf den Baeumen ist. Das geben von Geld ist offensichtlich sehr wichtig fuer den Glauben und die Raeume liegen buchstaeblich voll mit Scheinen.
Immer mehr fallen uns bei den Tibetern -aus unserer Sicht- grosse Widersprueche auf: Zwischen allem goldenen Verzierungen, Schnitzereien, Gemaelden liegen Tetrapaks voller Milch als Opfergaben. Der Buddhistische Moench muss sich insbesondere verschiedene Pflichten halten: Nicht toeten (nicht mal eine Muecke), nicht Stehlen, nicht luegen, keine Heirat und auch kein Alkohol. Das haelt nicht davon ab, ordentlich Reiswein zu opfern (sprich: Flaschen auf den Altar zu stellen) Das ueberall herumgestreute Geld ist insofern eigenartig, weil ja ueberall Mao drauf abgebildet ist, und das ist fuer die Tibeter ja nun der grosse Unterdruecker schlechthin. Die ins Gebet vertieften Moenche darf man gern unterbrechen um seine dummen Touristenfragen loszuwerden. Sie freuen sich sogar. Das sind so ein paar Kleinigkeiten, ueber die wir stolpern. Ebenso auffaellig ist, dass alle an uns interessiert sind und laecheln, lachen, Fragen stellen.
Nach der Besichtigung machen wir noch ein paar Fotos, unter anderem von einem echten Plumsklo an der Aussenmauer des Potala. So muessen sich auch die Ritter auf den mittelalterlichen Burgen frueher Gefuehlt haben...
So, und dann geht es mit dem Auto in Richtung Namtso. Die Fahrt dauert ca. 4 Stunden und die Wolkendecke reisst nur langsam auf, dabei fahren wir durch ein breites Tal immer weiter in die Berge. Der Fahrer muss auf drei Dinge aufpassen: 30cm tiefe Schlagloecher, Selbstmoerderische Ueberholer und Tiere, insbesondere Yak- und Schafherden. Am Strassenrand sind mehr und mehr Nomadenzelte, immer mit einem Motorrad davor, das das traditionelle Pferd weitgehend abgeloest hat. Wenigstens ist das Motorrad mit einem netten Teppich mit religioesen Motiven verziert, da ist der touristischen Romantik genuege getan. Neben der Strasse sind immer wieder bunte Gebetsfahnen an Bruecken, Steinen und Haeusern befestigt. Tausende blauer (Himmel), weisser (Wolken), roter (Feuer), gruener (Wasser) und gelber (Erde) Fahnen wehen im Wind oder liegen in Pfuetzen. Auf jeder Fahne stehen Gebete, die durch den Wind zu Gott getragen werden sollen.
Ich muss mal kurz was loswerden. Katha, neben mir, guckt grad "Verbotene Liebe" im Internet. Seufz.
Ok, zurueck nach Tibet. Wir sehen die Fuesse der Berge um uns herum, immer wenn die Wolkendecke etwas aufbricht, machen wir Fotostopps. Und auch jetzt merken wir die Hoehe noch nicht so richtig, obwohl wir wie gesagt auf 5200m hochfahren, unser Ziel der See liegt auf 4700m. Das Wetter wird zum Glueck nicht schlechter, so dass wir ohne Probleme ueber den Pass kommen. Noch 60km ueber eine Hochebene, dann sind wir am See. Zwischen zwei kleinen Huegeln, die mit Gebetsfahnen ueberzogen sind, befinden sich ca.40 Container und Zelte, alle um einen Fussballplatz-grossen Schotterplatz herum. Als erstes Fallen die komischen Beschriftungen an den Containern auf, es gibt eine "shopping mall", knappe 3m im Quadrat gross. Ein "Clean Restaurant" mitten im Dreck. Und wer will kann "Oxygen Yoghurt" kaufen. Als naechstes irritieren die Billiardtische ueberall. Dunkle Vollholztische, deren Beine schoen geschnitzt und verziert sind. Ich ueberlege schon, wie soeiner seinen Weg nach Deutschland finden koennte... Als wir spaeter spontan helfen, einen Tisch quer ueber den Platz in sein Winterlager zu schleppen, nehmen wir wieder Abstand von der Idee. Verdammt schwer. Der See liegt platt wie eine Funder auf zwei Seiten des Dorfes, blaugruen schimmernd. Tashi erklaert, dass alle Restaurants, Geschaefte und Uebernachtungsmoeglichkeiten von Nomaden betrieben werden, die im Winter in etwas waermere Gefilde ziehen. Wir spazieren herum und ueberlegen, ob wir die Nacht hier verbringen. Trotz des Risikos, morgen evtl. nicht ueber den Pass rauszukommen, entscheiden wir uns, zu bleiben. Tashi guckt etwas verduzt, aber wir sind ja die Chefs. Er waer wohl lieber wieder in eine Stadt am anderen Ende des Passes gefahren.
Unser Hotelzimmer ist ein halber Container, ohne Fenster nach draussen,geschweige denn Dusche oder Klo. Das ist am anderen Ende des Dorfes, in gut 5 Min zu erreichen. (Die hier sehr beliebte Marke PLUMPS), Dusche gibt es unseres Wissens gar nicht. Strom gibt es zwischen 8 und 11 Uhr abends, gerade genug, um die Kamera aufzuladen.
Zum Abendbrot gibt es Tsampa, eine Mischung aus Butter, Zucker, Tee und irgendeinem Mehl, schmeckt so aehnlich wie Kuchenteig. So langsam macht sich auch ein leichter Druck auf die Hirnrinde bemerkbar. Wir sind halt doch etwas schnell hier hochgeduest... Auf dem Rueckweg vom Klo werde ich von einigen Nomaden in ihr Zelt gewinkt. Erst zoegere ich, aber wann wird man schon mal von Nomaden eingeladen?!? Ich mache es mir erst allein bequem und komme kurz danach mit Nicole und Taschi wieder dorthin. Das runde Zelt ist Schwarz und aus Yakhaar, in der Mitte ist eine Feuerstelle. Ausser den Eltern sitzen im Zelt drei rotzueberlaufene, froehliche Kinder zwischen 0 und 4 und eine Nachbarsoma samt Enkel. Als wir uns setzen kommen noch eine Menge anderer Leute und schauen neugierig durch den Zelteingang. Sofort muessen wir den beruehmten Yakbuttertee trinken, aus Freundlichkeit tun wir das natuerlich auch. Sooooo schlecht ist er gar nicht, haben wir wohl ein frisches Stueck Butter erwischt. Mit Tashis Uebersetzung koennen wir und fast unterhalten, wir trinken ein paar Tassen Tee und uebergeben unsere Geschenke. Da die offensichtlich bettelarm waren, haben wir ihnen eine Jacke und Schuhe fuer die Kinder mitgebracht. Ausserdem etwas Bares... Geheizt wird uebrigens mit getrockneter Yakscheisse. Weiss grad kein politisch korrekteres Wort dafuer. Besonders werden wir von den Kindern bewundert, der tiefe Einschnitt zwischen Stirn und Nase und die Haare an Arm und Beinen muessen bewundert und angefasst werden. Wir sind sehr gastfreundlich behandelt worden und es macht einen traurig, zu sehen, wie arm diese Leute sind. Fuer uns eine nette Erfahrung, hoffen wir, dass unsere Geschenke ihnen etwas Linderung ermoeglichen.
Obs der Yakbuttertee war oder die Hoehe... die folgende Nacht war schrecklich. Kopf und Magen spielten verrueckt und wir haben beide kein Auge zugetan.

namtso

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